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Raumpflege.org sagt Ja zum Cabaret Voltaire – VOTE FOR DADA

 

Das Dada-Haus soll nach dem Willen von Stadtrat und Parlamentsmehrheit weiterhin mit 315 000 Franken pro Jahr unterstützt werden. Die SVP hat dagegen das Referendum ergriffen. Raumpflege.org hat mit Philipp Meier, Ko-Leiter des Cabaret Voltaire, gesprochen. 


 

Hey Philipp, das Cabaret Voltaire war ja im 2002 das besetzte Dadahaus. Wir wurden damals von der Polizei geräumt. Du wurdest 2004 von der Stadt als Leiter für den legalen Kulturbetrieb einer Dada Kulturstätte ausgewählt.
Warst Du in den letzten vier Jahren trotzdem zu frech für Zürich?

Ich habe das alles nicht so gewollt! Das ist eine üble Verschwörung! Letztes Jahr habe ich eine Künstlergruppe aus dem Umfeld der ehemaligen BesetzerInnen eingeladen und quasi eine «Carte Blanche» gegeben. Die haben dann mein Vertrauen schamlos ausgenützt und üble Schmierfinken aus London eingeflogen. Das artete dann in einer grossen Graffitischlacht aus und nun sitzen wir hier und zittern vor dem demokratischen Damoklesschwert.

Im ernst: Wir finden es grossartig, dass jedeR Stadtzürcher StimmbürgerIn endlich mal zu DADA «Ja» oder «Nein» sagen kann. Nach dem Aufruhr rings um die Besetzung ist das mit Abstand das wirkungsvollste Werk in der Tradition der Dadaisten. DADA wandelte immer an den unterschiedlichsten Abgründen. Diese Tradition möchten wir aufrechterhalten (deshalb würden wir uns freuen, wenn wir diese Gratwanderung weiterführen könnten; stimmt also JA!;)))

 

Wie stehst Du zu aktuellen Projekten aus der Besetzerszene?

Logo: Die sind für uns zum Teil eine grosse Herausforderung. Ich denke dabei z.B. an die aktuelle Ausstellung in der Binz. Das ist krass, was da ohne Subventionen geboten wird! Daneben komme ich mir wie ein Rappenspalter vor (auch wenn ich weiss, dass, wenn mal, wie bei uns, Geld im Spiel ist, dann sofort alle Beteiligten, ergo auch ich, was vom Kuchen haben wollen; weshalb am Schluss dann doch immer wieder zu wenig Geld vorhanden ist...;)))
Ich kenne nicht viele aktuelle Projekte aus der Besetzerszene. Ich finde jedoch Besetzungen allgemein wirtschaftlich, politisch und soziokulturell extrem spannend und wichtig! 
Letzthin hat mich mal jemand im Blog von www.rebell.tv «angepisst», dass wir gescheiter «Gegenwelten» zum Kommerz konstruieren sollten, als z.B. mit www.alles-ist-kunst.ch den Kommerz nur zu karikieren. Das beschäftigte und interessiert mich sehr. Wie aber lässt sich heute Kommerz negieren, wenn er bis in jede letzte Ritze unseres Lebens gedrungen ist und jede Gegenstrategie umgehend vereinnahmt? Die «Diktatur des Geldes» ist deshalb so effizient, weil das hyperflüssige Geld alles über- und umspült, in jeden Spalt (überall, auch in die von besetzten Häusern) dringt und jede Brache flutet. 
Ich bin ratlos..., glaube jedoch auch an die glänzende Seite der Medaille...:)

 

Wenn nun die SVP tatsächlich mit ihrem Referendum durchkommt … werdet Ihr Euch auch von der Polizei räumen lassen?

Das ist nicht unser Ding (oder frei nach Phenom Melody: «ich mach mis ding, also mach du dis ding»;)
Ich bin gespannt, was eine mögliche Schliessung in der Stadt Zürich auslösen könnte...; denn bald steht beispielsweise der Erweiterungsbau des Kunsthauses auf der politischen Agenda...; der notabene 150 Mio. Franken kosten wird.

 

Wirst Du nach dem Cabaret Voltaire Kurator im Hardturm Stadion?

Die Besetzung des Hardturm-Stadions fand ich Grossartig! Meines Wissens gab es weder nach der WM in Deutschland noch in allen anderen diesjährigen EURO-Städten eine ähnlich spezifische Reaktion. Logo: Inhaltlich fand ich es dann doch eher dürftig. Hier wurde jedoch meines Erachtens explizit die fehlende Kohle sichtbar (ein Stadion ist gross und kann nur mit «Rolling Stones» oder mit dem Stadtrivalenderby gefüllt werden...;)))
Das liebe ich übrigens an Zürich: Neben der «Ach-so-lebenswerten-Bankenstadt» ist immerhin irgendwo irgendwie noch was am köcheln und eruptiert unkontrolliert dann und wann, da und dort.
Es scheint übrigens Möglichkeiten zu geben, das Cabaret Voltaire an einem anderen Ort weiterzuführen...; ich zweifle jedoch daran, dass dies in Zürich sein wird...;)

 

Wir danken Philipp für das Gespräch und hoffen, dass die SVP mit Ihrem Referendum scheitert!

Ganz meinerseits.

 

Hintergrund:

Im Frühling 2002 wurde das das Gebäude an der Spielgelgasse 1 von einer Gruppe von KünstlerInnen besetzt, welche auf die historische Dada Stätte hinweisen und eine weitere Apotheke an dieser Lage in Zürich verhindern wollten. Eine Apotheke war nie geplant – dies war der erste Streich der Neo-Dadas. Mit verschiedenen Aktionen liessen die Besetzer den Dadaismus in Zürich neu aufleben und versuchten, die Ideen der um 1916 in Zürich entstandenen Kunstrichtung ins neue Jahrtausend zu transformieren. Dada Freaks, Künstler, Kunstfans, Historiker und sogar Geschichtslehrer aus ganz Europa kamen plötzlich angereist, um diesen historischen Moment nicht zu verpassen. Im Dadahaus entstand ein wildes Treiben - der Kreativität schienen keine Grenzen gesetzt – die provokativen Ideen der dadaistischen Vorfahren beflügelten die jungen KünstlerInnen in Zürich.

Swatch Chef Nicolas Hayek war vom neuen Aufkeimen des Dadaismus derart angetan, dass er der Stadt Zürich seine Unterstützung für einen Kulturbetrieb an der Spiegelgasse 1 zusicherte.

Obschon die Kulturabteilung der Stadt Zürich den BesetzerInnen und KünstlerInnen im Dadahaus ihre volle Unterstützung zusagte, wurde das Gebäude am 03.04.2002 von der Stadtpolizei gewaltsam geräumt. Die Neo-Dadaisten im Niederdorf wurden 8 Stunden im Voraus über den bevorstehenden Polizeieinsatz informiert. Mit Barrikaden aus Büchern und Kanonen aus Karton erwartete die sogenannte „Krösus Miliz Armee“ der Dadaisten die Städtischen Polizeieinheiten vor und im Dadahaus. Technologisch weit unterlegen mussten die 60 KünstlerInnen nach ca. einstündiger Auseinandersetzung das Haus verlassen.

Die Idee einer würdigen Gedenkstätte für die Dadaisten von 1916 war damit aber nicht verloren. Verschiedene Aktivisten aus Kunst und Kultur kämpften weiter für ein Dadahaus in Zürich. Die Swatch Group war weiterhin bereit, das Projekt finanziell zu unterstützen. Nach langem Ringen mit dem Stadtrat, dem Parlament und mit der Eigentümerin der Liegenschaft, der Rentenanstalt, konnte das „Cabaret Voltaire“ an der Spiegelgasse im Jahr 2004 eröffnet werden. Die Leitung der neuen Kulturinstitution wurde an Philipp Meier übergeben.